Karsamstagskonzert 2025
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Konzerteinführungen aus Grafenegg, die Ohren öffnen
Im Gespräch mit dem Dirigenten Alessandro De Marchi geht Ursula Magnes dem Programm des Karsamstagskonzerts in Grafenegg auf den Grund.
Veröffentlicht: 03/04/2025
«Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?»
Der gebürtige Römer Alessandro de Marchi führt mit dem Tonkünstler-Orchester Niederösterreich am Karsamstag die «Sieben letzten Worte unseres Erlösers am Kreuze» von Joseph Haydn auf, komponiert für die Andacht des Karfreitages des Jahres 1787 in der Kapelle Santa Cueva unterhalb der Pfarrkirche Nuestra Señora del Rosario im spanischen Cádiz. Haydn selbst beschreibt in einem Brief an seinen Biografen Georg August Griesinger, welche kompositorischen Herausforderungen er zu bewältigen hatte. Der Kirchenraum wurde traditionell abgedunkelt, die Türen verschlossen, und die Musik hatte einem ganz bestimmten Zweck zu dienen. Nachdem der Bischof das jeweilige Wort und eine Betrachtung gesprochen hatte, verließ er die Kanzel, fiel kniend vor dem Altar nieder und ging dann erneut auf die Kanzel zurück. Diese «wortlose Stille» hatte Joseph Haydn mit sieben langsamen Sätzen zu füllen. Eine Herausforderung, die der damals wohl berühmteste und bestbezahlte Komponist weltweit mit Bravour löste. Die auch in Grafenegg gespielte Urfassung der «Sieben letzten Worte» komponierte Haydn für Orchester, erst danach kamen die Versionen für Streichquartett sowie die Klavier- und Oratorienfassung hinzu. Haydn verstand sein Handwerk in vielerlei Hinsicht.
Das Verlassenwerden umkreist als Thema auch die beiden weiteren Stücke dieses Programms, das Joseph Haydn als Theater- und Kammermusiker zeigt. Die Ouvertüre zu «L’isola disabitata» (Die unbewohnte Insel) zeigt Haydns Nähe zur Neapolitanischen Oper, die er während seines Brotjobs als Korrepetitor von Nicola Porpora in Wien kennengelernt hatte. Die Kantate «Arianna a Naxos» entstand ursprünglich für Singstimme und Tasteninstrument. Der Antike Stoff über die verlassene Königstochter Ariadne verliert auch in der Fassung für Mezzosopran und Orchester nichts von seiner Kraft.
Lieber Alessandro De Marchi, hat der Karsamstag im Rahmen der Karwoche, als Abschluss des sogenannten Triduum sacrum, eine Bedeutung für Sie?
Ich frage das auch, weil Sie ja ein geborener Römer sind.
Alessandro De Marchi: Das Leben in Rom ist eng mit dem des Vatikans verbunden. Rom ist auch die Stadt der Kirchen, und in jeder dieser Kirchen finden Feierlichkeiten zur Karwoche statt. Es ist sehr schön zu dieser Zeit, vor allem im Zentrum, weil man dort eine besondere Atmosphäre spürt, in der die Zeit stehengeblieben zu sein scheint.
Und fließt etwas von dieser Atmosphäre für Sie auch an anderen Orten ein, etwa, wenn sie so wie jetzt in Grafenegg am Karsamstag dirigieren?
Ja, wobei ich jetzt seit mehr als 30 Jahren in Deutschland wohne, aber diese ersten Jahrzehnte in Rom haben mich natürlich geprägt.
Wie ist es zu diesem besonderen Programm mit Musik von Joseph Haydn gekommen?
Haydn ist zentral in der Geschichte der klassischen Musik, das allein ist schon ein Grund. Mich persönlich interessiert er aber auch sehr wegen seiner Lehre bei Nicola Porpora, weil ich Haydn als Fortsetzer der neapolitanischen Schule in Nordeuropa sehe. Ich habe mich jahrelang für die neapolitanische Oper und für die neapolitanische Schule interessiert. Besonders in Innsbruck, während meiner Zeit als Intendant der Festwochen der Alten Musik, haben wir viele vergessene Werke, unter anderem von Porpora und Pergolesi, wiederaufgeführt. Und ja, ich finde diese Verbindung Neapel – Wien sehr interessant.
Sie bringen damit quasi auch die Neapolitanità mit nach Grafenegg. Werfen wir konkret einen Blick auf das Programm: Wir haben die Ouvertüre zur Oper «L’isola disabitata», die Kantate «Arianna a Naxos» für Singstimme und Orchester und thematisch dann natürlich das Hauptwerk, «Die sieben letzten Worte unseres Erlösers am Kreuze».
Dreimal Haydn: Welcher Haydn?
Haydn war ein äußerst vielseitiger Komponist, und während seiner Karriere hat er in allen musikalischen Genres seiner Zeit gearbeitet. Mit diesem Programm zeigen wir drei verschiedene Stile, also Oper, Kammermusik und Kirchenmusik. Der Ursprung von «Arianna a Naxos» war nämlich kammermusikalisch, also nur für Hammerklavier und eine Frauenstimme komponiert. Wir spielen in Grafenegg eine spätere Version für Mezzosopran und Orchester.
Davor kommt die Ouvertüre zu Oper «L’isola disabitata». Das Libretto ist von Pietro Metastasio, der hier in Wien gewirkt hat, und Haydn war ja Begleiter, also Cembalospieler bei Nicola Porpora.
Wie passt diese Oper, beziehungsweise die Ouvertüre zur Oper, zu der ursprünglichen Kammerkantate?
Erstens zum Libretto. Es ist hervorragend! Die allererste Vertonung stammt von Giuseppe Bonno aus dem Jahr 1753, die letzte von Nino Rota von 1932. Es ist ein Stoff, der viele Komponisten interessiert und bezaubert hat. Haydn hat den Stoff besonders modern komponiert, es gibt nur Arien und Accompagnati, also keine trockenen Rezitative – und auch ein sensationelles Doppelquartett am Ende mit vier konzertierenden Instrumenten und vier Sänger:innen. Also das Stück ist sensationell, genau wie das Libretto. Und ich glaube, auch diese Modernität war ein Grund für den Erfolg in der heutigen Zeit.
Die Ouvertüre drückt sehr gut die Stimmung der Oper aus, aber auch das Thema des Verlassenseins tritt deutlich zutage. Das ist in allen drei Werken des Konzerts präsent. In «L’isola disabitata» werden Costanza und ihre jüngere Schwester Silvia von Enrico auf einer verlassenen Insel zurückgelassen. In «Arianna a Naxos» verlässt Theseus Ariadne, und in den «Sieben letzten Worten» wird das Thema des Verlassenseins im vierten Satz, «Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?», ganz besonders deutlich.
Also die Ouvertüre und die Kantate leiten als Vorgeschichte zum thematischen Hauptwerk des Abends hin, zu den «Sieben letzten Worten».
Wie gesagt, dieses Thema des Verlassens ist präsent und gibt auch diesen ganzen Abend eine besondere Farbe, die dem Tag angepasst ist.
Wir sind in der Grabesruhe.
Ganz genau. Und ich finde, das ist auch wichtig. Haydn hat sich bemüht, in den «Letzten sieben Worten» mit Variationen und mit zwei Extrastücken, die nicht zum Libretto gehören, nötige Abwechslung zu schaffen. Das ist ihm auch grandios gelungen.
Ich möchte musikalisch noch kurz bei «Arianna a Naxos» bleiben. Hier verwendet Haydn ganz gezielt dramaturgische Kniffe, um die Geschichte zu erzählen.
Natürlich! Auch dieses Stück ist durchkomponiert und verzichtet auf Secco-Rezitative, das gibt dem Gesamtwerk einen dramatischen Touch, der sehr wichtig ist und hilft, auch die Phasen der Geschichte zu illustrieren – von der Ruhe am Anfang, wo Ariadne noch schläft, von den Zweifeln. Danach entdeckt sie das Boot, mit dem Theseus wegläuft von ihr, und dann hört man die Wut am Ende. Die ganze Ausdruckspalette ist da.
«Die sieben letzten Worte unseres Erlösers am Kreuze»
Kommen wir jetzt zum thematischen Hauptwerk des Konzertes. Das sind die «Sieben letzten Worte unseres Erlösers am Kreuze» von Joseph Haydn. Der Musikwissenschaftler Matthias Henke wies im Zusammenhang damit auf die «Devoción de las tres horas de la agonía de Cristo Nuestro Señor» hin, also die «Andacht der drei Stunden des Todeskampfes unseres Herrn Christus». Das ist eine Meditationsschrift zum Karfreitag des peruanischen Jesuitenpaters Alonso Messia Bedoya aus dem 18. Jahrhundert. Aus diesen sieben musikalischen Meditationen entsteht damit eine Art Teatrum sacrum, also ein spirituelles Theater, ganz im Sinne der Jesuiten.
Wie sehen Sie das als Musiker? Und beginnt die Geschichte der sieben Worte nicht eher in Peru als im spanischen Cádiz?
Haydn erhielt 1786 von einem Kanoniker aus Cádiz die Anfrage, Musik zu komponieren, die während der Zeremonien am Karfreitag ausgeführt werden sollte. Die beste Beschreibung dafür, warum diese Kompositionen diese Struktur haben, gibt uns der Komponist selbst in einem Brief an den Verlag Breitkopf und Härtel, die die Partitur zur Veröffentlichung begleitete:
« Es sind ungefähr fünfzehn Jahre, dass ich von einem Domherrn in Cadix ersucht wurde, eine Instrumentalmusik auf die sieben Worte Jesu am Kreuze zu verfertigen.
Man pflegte damals, alle Jahre während der Fastenzeit in der Hauptkirche zu Cadix ein Oratorium aufzuführen, zu dessen verstärkter Wirkung folgende Anstalten nicht wenig beytragen mussten. Die Wände, Fenster und Pfeiler der Kirche waren nehmlich mit schwarzem Tuche überzogen, und nur Eine, in der Mitte hängende grosse Lampe erleuchtete das heilige Dunkel. Zur Mittagsstunde wurden alle Thüren geschlossen; jezt begann die Musik. Nach einem zweckmässigen Vorspiele bestieg der Bischof die Kanzel, sprach eines der sieben Worte aus, und stellte eine Betrachtung darüber an. So wie sie geendiget war, stieg er von der Kanzel herab, und fiel knieend vor dem Altare nieder. Diese Pause wurde von der Musik ausgefüllt. Der Bischof betrat und verlies zum zweyten, drittenmale u. s. w. die Kanzel, und jedesmal fiel das Orchester nach dem Schlusse der Rede wieder ein.
Dieser Darstellung musste meine Composition angemessen seyn. Die Aufgabe, sieben Adagio’s wovon jedes gegen zehn Minuten dauern sollte, aufeinander folgen zu lassen, ohne den Zuhörer zu ermüden, war keine von den leichtesten; und ich fand bald, dass ich mich an den vorgeschriebenen Zeitraum nicht binden konnte. […]»
(Joseph Haydn, März 1801)
Also dieses Dokument finde ich sehr interessant. Erstens kriegen wir eine Beschreibung, wie theatralisch diese Zeremonie war, und doch wissen wir, dass die Kirche so groß war und diese Prozession so langsam, dass zwischen Kanzel und Altar man fünf bis zehn Minuten hin und zurück brauchte. Und wir wissen, wie wichtig es war für die Zeremonie, dass jedes einzelne Stück genau zehn Minuten dauerte. Das gilt natürlich auch für die Interpret:innen.
Damit erklärt sich auch, dass Haydn die Urfassung der «Sieben letzten Worte» für Orchester komponiert hat.
Ja, absolut. Was heute kaum mehr bekannt ist: Auch viele Symphonien von Haydn wurden damals als Kirchenmusik während der Messe benutzt. Heutzutage macht man das nicht mehr.
Joseph Haydn verwendet als Tempo- bzw. Charakterangaben für die «Sieben letzten Worte» Largo, Grave, Adagio, Lento …
Was bedeutet das für uns Zuhörer:innen?
Wir wissen, dass bis zum Anfang des 19. Jahrhunderts und darüber hinaus, zumindest aber bis zur Erfindung des Metronoms, die Musiker ein Temposystem verwendet haben, das auf natürlichen Elementen wie dem Herzschlag, dem Schritt oder dem Pendel basierte. Darum brauchten sie sehr lange kein Metronom, weil sie andere Parameter hatten, das Tempo zu bestimmen. Die italienischen Begriffe «Grave», «Largo», «Adagio», «Lento» usw. beziehen sich gleichzeitig sowohl auf die Geschwindigkeit als auch auf den Charakter des Stücks. Es ist ein sehr komplexes Thema. Heute wählt man das Tempo mehr nach Gefühl. Aber es gab damals klare Regeln, und man musste, um das richtige Tempo zu finden, kombinieren. Diese Bezeichnungen, also «Adagio» oder «Allegro», und die Dichte jedes Taktes bestimmen die Figuren und den natürlichen Charakter. Für die «Sieben letzten Worte» haben wir diese zehn Minuten Dauer als Maß. Man schafft aber nicht immer genau zehn Minuten. Und: Manche Wiederholungen hat Haydn nur eingeführt, um diese Länge zu erreichen. Im Konzert haben die also kaum einen Sinn.
Ich stelle mir vor, die Introduktion ist vorbei, und Sie versuchen jetzt, das für diesen Moment «richtige» Tempo zu finden. Für das erste Wort, Sonata 1 «Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.»
Wie gehen Sie da vor?
Zu Haydns Zeit war «Grave» das langsamste Tempo, und dann ein bisschen schneller Largo, und dann kam Adagio, und dann so weiter bis Prestissimo. Also so eine Temposkala war üblich. Viel komplizierter ist die Dichte in jedem Takt. Also ich habe von Daniel Barenboim gelernt, dass man so agieren muss wie beim Kofferpacken. Das klingt lustig, aber es ist wahr. Wenn der Koffer zu klein ist und zu viele Klamotten da sind, funktioniert es nicht. Wenn der Koffer zu groß ist und es zu wenige Klamotten gibt, funktioniert es aber auch nicht. Man muss also genau den richtigen Koffer finden, damit die Noten bequem sitzen und gut klingen.
Lieber Alessandro de Marchi, dann darf ich bitten, dass Sie uns die sieben Koffer kurz erläutern … also die sieben Sonaten.
Gerne. Die Introduzione (Maestoso ed adagio) führt in die Atmosphäre des Kalvarienbergs ein und drückt gleichzeitig sowohl Leiden als auch Majestät aus. Es gibt dissonante Akkorde, die dieses Leiden ausdrücken und auch Punktierungen, die typisch im Barock und in der Klassik sind für das Majestätische. Dann kommt die erste Sonata, Largo, «Pater, dimitte illis, quia nesciunt, quid faciunt.», also «Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht was sie tun. Das drückt mehr Mitgefühl, Barmherzigkeit und die Vergebung Jesu gegenüber seinen Verfolgern aus.
Die zweite Sonata, Grave e cantabile, das «Hodie mecum eris in Paradiso.», also «Heute wirst Du mit mir im Paradies sein.»: Das ist ein Akt der Barmherzigkeit und Vergebung auch für diejenigen, die Fehler gemacht haben. Diese Grave gibt die Idee von etwas Schwerem. Also «grave» ist «schwer» auf Italienisch, aber «cantabile» ist singbar. Man muss den richtigen Charakter finden. Es ist zwar ein Grave, aber «alla breve» notiert. Das bedeutet, es ist eigentlich doppelt so schnell wie ein gewöhnliches Grave. Auch in der dritten Sonata ist es ein Grave: «Mulier, ecce filius tuus.», also «Frau, siehe, das ist dein Sohn.» Jesus wendet sich an Maria und Johannes, die beim Kreuz sind, und bittet sie, sich gegenseitig zu kümmern. Das kann man ganz allgemein sehen als Einladung zur universellen Liebe. Das Stück ist sehr zart …
Da möchte ich gleich einhaken. Hört man diese Charaktere dann auch in der Musik von Haydn? Zum Beispiel ganz konkret, dass hier um die allgemeine Liebe geht?
Ich glaube, ja. Wegen der Tonart und der Motive, die er gewählt hat. Es ist ja auch interessant: Haydn wollte, dass in der Partitur am Anfang jeder Nummer, jeder Sonata, dieses lateinische Incipit geschrieben war. Er wollte, dass die Musiker wussten, worum es geht. Ja, und es ist extrem wichtig, zumindest in dieser Urfassung. Es wird ja nicht gesungen. Die Musiker müssen alles selber machen. Das ist die große Herausforderung.
Es ist sozusagen ein «Lied ohne Worte»?
Ganz genau.
Weit vor Mendelssohn. Weiter geht es mit der Sonata 4. «Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?»
Ein Largo, mit dem Ruf von Jesus «Eli, Eli Lama Asabtani», auf Latein in der Partitur als «Deus meus, Deus meus, ut que dereliquisti me?», zu Deutsch «Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?» Es ist ein Zitat aus Psalm 22 und drückt ein tiefes Gefühl von Verlassenheit und Leiden, Verletzlichkeit und auch das Streben nach Verbindung mit Gott aus. Das ist eigentlich das zentrale Thema des Abends. Haydn wählt dafür die Tonart f-Moll und folgt damit ganz der Tradition in der italienischen Musik. Auch das berühmte Stabat Mater von Giovanni Battista Pergolesi beginnt in f-Moll. Das ist eine sehr dunkle Tonart.
Aus dieser zentralen Verlassenheit geht es dann zu etwas, was wir alle kennen: Durst zu haben: «Sitio!», auf Deutsch «Mich dürstet», das fünfte Wort.
Dieser Satz drückt das körperliche Leiden Jesu deutlich aus, seine Menschlichkeit, seine Verletzlichkeit. Er stellt aber auch die Erfüllung der Schrift dar. Ich glaube, zentral für uns und beim Musizieren und beim Zuhören ist, dass uns dieser Teil wirklich den Menschen Jesus zeigt, mit seinen ganz natürlichen menschlichen Bedürfnissen. Haydn hat das sehr zart komponiert, er macht dieses körperliche Leiden Jesu wirklich fühlbar.
Sonata 6, Lento. «Consummatum est.», also «Es ist vollbracht.»
Das kann man natürlich interpretieren als die Erfüllung der rettenden Mission Jesu. Und theologisch gesehen ist es das Ende einer Ära und der Beginn einer neuen Möglichkeit der Erlösung für die Menschheit. Es ist sehr interessant, dass das Tempo einfach «Lento», also langsam ist. Es ist keine klare Bezeichnung, also auch keine normale Tempoangabe. Sie ist gewählt, um eine Traurigkeit auszudrücken. Es ist auch nicht die dunkelste Tonart, das anfängliche g-Moll wird in G-Dur aufgelöst, und deswegen schwingt auch ein gewisser Trost mit. Es ist vollbracht: Ich habe alles gemacht, was zu tun war.
Und dann als Sonata 7: «In manus tuas, Domine, commendo spiritum meum», also «In deine Hände, Herr, befehle ich meinen Geist.» Der Abschied.
Ja. Es gibt auch theologisch verschiedene Interpretationen, die möglich sind. Ich finde, dass der Charakter der Musik eine Hoffnung auf das ewige Leben ausdrückt. Und ja, wahrscheinlich legt es nahe, dass der Tod nicht das Ende, sondern ein Übergang zu einer neuen Existenz mit Gott ist. Also dieser Teil ist absolut nicht pessimistisch. Es ist nicht so dunkel. Die Tonart ist Es-Dur, das hat auch eine Wärme, eine sehr schöne Wärme.
Der Geist wird in Es-Dur zur Ruhe und in die Hände Gottes, des Vaters gelegt. In Càdiz. Karfreitag. Alles ist finster. Man hat jetzt diese sieben langsamen Stücke von Haydn gehört. Und dann bleibt es aber nicht bei dieser Ruhe: «Il terremoto», «Das Erdbeben». Das musste quasi sein im 18. Jahrhundert. Auch in der Kirche …
Es musste sein, ja, absolut! Und ich glaube, Haydn, wie er auch in seinem Brief schreibt, hatte Angst, nicht geschafft zu haben, abwechslungsreich zu sein. Er musste mit dem Erdbeben, «Presto e con tutta la forza», sehr schnell und mit ganzer Kraft die Geschichte erzählen: Es steht ja auch in den Evangelien, dass es dieses Erdbeben gab. Aber es hatte auch die Funktion, das Publikum nach so viel meditativer Musik aufzuwecken. Ich glaube, das war ihm auch wichtig als Theatermensch. Er wollte nicht im Pianissimo enden, er wollte ein bisschen Power geben.
Lieber Alessandro De Marchi, vielen herzlichen Dank, dass Sie sich die Zeit für uns genommen haben.
Was wünschen Sie Ihrem Publikum und auch dem Tonkünstler-Orchester?
Ich wünsche mir, dass wir diese wunderbare Musik so interpretieren, dass diese ganzen Mitteilungen, diese ganzen Messages des Komponisten ankommen. Das wäre mir sehr wichtig.
Dann wünsche ich schon jetzt Frohe Ostern und sage Vielen herzlichen Dank!
Mille grazie! Alla prossima!
Karsamstagskonzert
Tonkünstler-Orchester Niederösterreich · Emily D'Angelo · Alessandro De Marchi
HAYDN